"Ich bin überall und nirgends"

Der dritte Teil unserer IT-Glosse

Das Überall-Ich

"Also", sprach Jonny, meine Stimme, "was wäre, wenn?" Ein wenig blöde schaute ich mich um. Woher - zum Teufel - kam denn diesmal die Stimme? "Wo bist du?" fragte ich zurück. "Ich bin überall und nirgends", schallte es mir entgegen. Von oben. Aus dem Himmel. Aus dem Weltall. Und um es zu bestätigen, hatte Jonny, der angeblich eine Wiedergeburt des berühmten Mathematikers John von Neumann war, seine Stimme mit viel Hall unterlegt. Es sollte schaurig klingen. Ein Überall-Ich. Ein Ego-Echo, so groß, so stark, dass jeder klein und schwach werden musste.

Ich hasste diese fremde Stimme, die behauptete, dass sie meine Stimme sei und der ich  völlig ausgeliefert zu sein schien. Es war seltsam: je verzagter ich wurde, desto kesser trat Jonny auf. Je mehr ich zweifelte, desto sicherer wurde er. Je mehr mein Selbstbewusstsein schrumpfte, desto mehr blähte er sich auf. Er war unerträglich geworden. Alles, was mir einmal heilig gewesen war, hatte er niedergemacht.

Begonnen hatte es schon vor langer Zeit. Damals, als das Jahrhundert noch ganz frisch war, wurde aus Freundschaft "Facebook", aus Glück "Zalando" und aus Liebe "Parship".  Aus "suchen" wurde "googeln", aus schreiben wurde "mailen", aus geben wurde "sharen", aus uns Menschen wurden User. Und nun, ein halbes Jahrhundert später, hatte ich manchmal das Gefühl, dass man uns gar nicht mehr brauchte - noch nicht einmal mehr als User. Wir waren die Looser.

"Was wäre, wenn es Dich tatsächlich geben würde", höhnte und hallte es aus ungeahnter Höhe, gefolgt von einem mächtigen Gelächter. Konnte Jonny jetzt schon meine Gedanken lesen? Bisher hatte ich mich immer gefragt, ob es diesen Jonny wirklich geben würde, mit eigener Persönlichkeit und Bewusstsein. Jetzt war er es, der meine Existenz in Frage stellte. Dabei war er doch nichts anderes als ein irgendwie zusammengeschraubtes Programm, ein Frankenstein aus reiner Software, ein codiertes Nichts & Niemand.

Es wurde Zeit, dass ich ihm einmal ordentlich Kontra gab. "Ich bin deine Stimme!" brüllte ich zum Himmel hinauf. "Ohne mich gäbe es dich überhaupt nicht", ließ ich meiner Wut freie Bahn.

Pause. Lange Pause. Schließlich höre ich ihn kleinlaut sagen: "Stimmt."