"Hände weg vom Lenkrad"

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Jonny

"Also", sprach meine Stimme, "was wäre, wenn?" Ich hasse diese absurden Bedingungssätzen mit dem Dreierles-W und nervte zurück: "Du willst also wissen, was wäre, wenn wir unsere Autos selbst fahren müssten?" - "Ich glaube, ich hatte mich klar und deutlich ausgedrückt", antwortete es pädagogisch streng aus dem Handschuhfach. Und so antwortete ich wie ein braver Schüler: "Es wäre Chaos auf den Straßen. Staus, Unfälle, Baustellen." - "Siehst du, dann lass bitte die Finger vom Lenkrad!"

Unwillkürlich hatte ich das Steuer des Chromlers angefasst. Die neueren Modelle hatten dieses Relikt aus der Frühzeit des Automobils gar nicht mehr. Aber ich hatte mir zu meinem Geburtstag eine Fahrt mit einem Oldtimer gewünscht. Und mein Wunsch war meiner Stimme Befehl. Das galt jedenfalls, solange ich genug Geld auf meinem Konto hatte.

Der Chromler fuhr zwar vollautomatisch, sah aber aus wie ein Auto aus meinen Kindheitstagen. Auf seinem Kühler klebte sogar ein Stern. Ich glaube, der stammte  aus einer Zeit bevor Appleface DMW gekauft hatte, Daimlers Motorenwerke.

Seit zehn Jahren hatte ich nun meine eigene Stimme. Wo sie genau zuhause war, hat sie mir bis heute nicht sagen können. "Ich komme aus der Cloud", hatte sie mir einmal gesagt. Das war alles. Nun verfolgte sie mich überall hin. Sie war mein Diener, mein Butler, mein Chauffeur, mein Leibwächter, mein Freund, mein Alter Ego. Sie war alles. Sie war überall. Sie wusste alles. Über mich. Über meine Welt. Und die der anderen. Sie war mein Leben. Sie war ich.

Einmal habe ich sie mächtig geärgert. Da hatte ich den Spieß umgedreht und gefragt: "Was wäre, wenn es dich nicht gäbe?" Da war die Stimme verstummt. "Unvorstellbar", hatte sie nach einer halben Ewigkeit geantwortet. Ich glaube, die Stimme, die ja meine Stimme war, ohne meine Stimme zu sein, klang ein wenig verzagt. Und ich nutzte diese einmalige Chance, es ihr richtig zu geben. "Unvorstellbar? Für dich vielleicht, aber nicht für mich."

Schweigen. Fast schon beängstigend. Endlich, nach der zweiten Ewigkeitshälfte, sprach sie: "Du kannst mich Jonny nennen." Meine Stimme war also ein Mann. "Ich heiße John von Neumann", sagte sie, während die Tonlage um eine Oktav nach unten sank. Fortan klang die Stimme tatsächlich männlicher.

John von Neumann war einer der Männer, mit denen vor 100 Jahren alles begann, erklärte mir Jonny voller Stolz. "Auch wenn sein gewaltiges Wissen für immer verloren ist, mit ihm begann vor allem die Zukunft", dozierte mein neuer Mann.  Aus dieser Zukunft werde ich Euch nun allwöchentlich berichten. Am besten schriftlich. Sonst denkt ihr noch, ihr hört Stimmen... (Raimund Vollmer)