Altes Ego

Der fünfte Teil unserer IT-Glosse

Altes Ego

"Also", sprach Jonny, meine Stimme, nachdem ich meinen Mantel an den Haken gehängt hatte, "was wäre, wenn?" Er hatte mich dies schon auf dem Weg ins Büro gefragt. Ich hatte mich dann in meine Arbeit geflüchtet. Nun, nach erledigtem Posteingang, sollte ich Rede und Antwort stehen. "Du willst also wissen, was ich täte, wenn alles möglich wäre?" - "Genau." - "Also, ich würde eine Zeitmaschine bauen und in eine Zeit vor deiner Zeit reisen". antwortete ich brüsk. So merkte ich anfangs gar nicht, wie ich plötzlich durch die Jahrzehnte fiel. Doch dann sah ich mich erschrocken um. Ich saß in einem fremden Auto, eindeutig einem Oldtimer, aber er roch wie neu. Eine Stimme, die völlig jenseits von Jonny war, sprach: "Sie haben Ihr Ziel erreicht." Ein Zeitsprung.

Der Wagen stand vor einem Reihenhaus. Ich sah mich, wie ich den Zündschlüssel zog und ausstieg. Schon wurde die Haustür aufgerissen, und eine Schar von Kindern flog mir entgegen. Sie nannten mich Papa und lachten. Als ich aufblickte, schaute mich eine hübsche junge Frau an, eindeutig die Mutter meiner Kinder. Sie lächelte, und ich war glücklich, überglücklich. Ich lächelte, während ich mich lächeln sah. Ich stand die ganze Zeit neben mir, nur um Jahrzehnte jünger und glücklicher. Dachte ich.

Wir schreiben das Jahr 2017. Und eine Zeitmaschine hatte mich in eine Welt versetzt, an die ich mich kaum noch erinnern konnte. Nun stand ich die ganze Zeit neben mir und beobachtete mich. Also, meine Familie hätte ich nach diesem ersten Lächeln schon nachhaltiger begrüßen können! Und überhaupt: Was war das für ein Macho, der da jetzt in meinen teuren Nikes stand! In meinen Levis. In meinem Lieblings-T-Shirt. Ein Spießer, wie er in jeder schlechten Fernsehwerbung vorkommt. Dann der Griff zur Flasche, zum Glück nur Sprudel. Aber in den Tiefen des Kühlschranks hatte ich das Bier auch gesehen. Irgendwann, nach irgendeinem, eher freudlosen Spiel mit den Kindern, der Gang zur Glotze. Zappen bis es drinnen & draußen zappenduster war. Eigentlich ein öder Abend und ein blöder Kerl. Ich fand mich fürchterlich.

Am nächsten Morgen wache ich in meinem Büro wieder auf. "Ausgeschlafen", ruft Jonny, meine ewige Stimme aus der Cloud. Ich reibe mir den Büroschlaf aus den Augen, blicke zum Himmel und meine: "Du hast einen Scheißjob, Jonny."